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Sellafield
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Sellafieldcite-ref-1[1] (frĂŒher Windscale oder auch Windscale Works) ist ein britischer Nuklearkomplex an der Irischen See in der Grafschaft Cumbria in Nordwestengland.
Windscale war und ist die gröĂte Nuklearanlage in GroĂbritannien. Sie gilt als ProduktionsstĂ€tte fĂŒr das frĂŒhere britische Kernwaffenprogramm und besteht aus vielen verschiedenen nuklear-technischen Anlagen (siehe der Abschnitt Kernanlagen). Windscale diente von Anfang an auch dem zivilen Nuklearprogramm GroĂbritanniens.
Auf dem GelĂ€nde befindet sich auĂerdem das Kernkraftwerk Calder Hall, das als erstes westliches Kernkraftwerk ab dem Jahr 1956 Strom in das National Grid einspeiste. In der Sowjetunion ging kurz davor (1954) das kommerzielle Kernkraftwerk Obninsk in Betrieb.
Mit Windscale und Calder hat GroĂbritannien seinen eigenen Schritt in das Atomzeitalter begonnen, da das Land Auswege aus dem Verbrauch von fossilen Brennstoffen (primĂ€r Kohle zum damaligen Zeitpunkt) suchte.
Der Komplex hat sich im Laufe der Jahrzehnte stĂ€ndig verĂ€ndert. Ab etwa 1980 wurden auch zivile Dienstleistungen auĂerhalb Englands angeboten, z. B. auch fĂŒr Deutschland im Rahmen der friedlichen Nutzung der Kernenergie.
Contents
âą Geschichte
âą Organisation
âą Leitung
âą Sicherheit
âą Kernanlagen
âą Kernreaktoren
⹠ZwischenfÀlle
âą Andere Probleme
âą Krebscluster
âą Organ-Skandal
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Geschichte
GroĂbritannien war zusammen mit den USA im Rahmen des Manhattan-Projekts an der Entwicklung einer Atombombe beteiligt. Bereits ab ca. 1940 war GroĂbritannien mit dem Tube Alloys und MAUD-Komitee wissenschaftlich und politisch ĂŒber die militĂ€rische Nutzung der Kernenergie unterrichtet. Zahlreiche britische Wissenschaftler (z. B. Otto Frisch) waren in den USA und auch Kanada (Chalk River) an der Forschung und Entwicklung beteiligt. Das Ergebnis der AktivitĂ€ten war die am 16. Juli 1945 getestete (Plutonium-basierte) Atombombe unter dem Namen Trinity nahe Alamogordo. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es auch zu VerĂ€nderungen in den Beziehungen zwischen den beiden Nationen.
GroĂbritannien wurde unilateral durch den US-amerikanischen McMahon Act aus dem Jahr 1946 vom Wissen und der Forschung zu Kernwaffen ausgeschlossen. Der ehemalige Premier Clement Attlee startete folglich unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Ministry of Supply die britische Nuklearindustrie mit einer Doppelnutzung fĂŒr zivile und militĂ€rische Zwecke. DafĂŒr war, neben anderer Expertise, ein Produktionskomplex notwendig, welcher als Seascale gegrĂŒndet wurde. Die ersten Anlagen (Kernreaktoren und Nuklearchemie) entstanden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem GelĂ€nde einer ehemaligen Munitionsfabrik.
Die Leitung der Industrial Group hatte damals Sir Christopher Hinton. FĂŒr Windscale war jedoch primĂ€r die Production Group zustĂ€ndig. Weitere Spezialanlagen (Labore, Produktionsanlagen etc.) wurden ebenfalls im Land gegrĂŒndet.
Das o. g. britische Programm war fĂŒr rund 12 Jahre eigenstĂ€ndig von den USA. Am 8. November 1957 testete GroĂbritannien seine erste erfolgreiche thermonukleare Kernwaffe als Teil einer Testserie im Pazifik bei Malden und der Weihnachtsinsel.
Folglich kam es nach einer Ănderung des US Atomic Energy Act von 1946 (viz. McMahon Act), welcher zu dem noch heute gĂŒltigen (mit VerĂ€nderungen) Atomic Energy Act of 1954 wurde.cite-ref-2[2] (Siehe auch U.S. Code Titel 42 Division A.cite-ref-3[3]) Es kam zu einer erneuten politischen Vereinbarung zwischen den beiden neuen AtommĂ€chten, dem sog. Mutual Defence Agreement (MDA) aus dem Jahr 1958, welches als Teil der âSpecial Relationshipâ verstanden wird.
Der Komplex Windscale war damals eher unbekannt. Es gab jedoch offizielle Dokumentationen (HMSO) ab ca. 1950. In dem Jahr 1957 kam es bei einem der beiden frĂŒhen Reaktoren zu einem Unfall (siehe Windscale Brand), wobei der Komplex in die Ăffentlichkeit rĂŒckte.
Ab den 1970er Jahren wurden groĂe Teile von Windscale mit der organisatorischen AusgrĂŒndung der British Nuclear Fuels (BNFL) von dieser verantwortet und verwaltet.
Um 1981 wurde aus Windscale der (gröĂtenteils kommerzielle) Komplex Sellafield, welcher fĂŒr internationale Kunden, darunter auch Deutschland, diverse Dienstleistungen anbot und erbrachte, z. B. die Nachbehandlung der radioaktiven Spaltprodukte (Vitrifikation).
Bezeichnungen (Namen)
Einige der verwendeten Bezeichner (Namen) sind von Ortschaften oder der geographischen Lage abgeleitet. Der River Ehen mĂŒndet am Rande der Anlage ins Meer und der River Calder flieĂt durch das Gebiet der Anlage, bevor er dort ebenfalls ins Meer mĂŒndet. Die Anlage liegt beim Dorf Seascale in der Unitary Authority Cumberland.
Organisation
Alle Angaben Stand 2023.
Die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die Kernforschung (und damit auch Windscale) hatte seit 1954 die United Kingdom Atomic Energy Authority (UKAEA).cite-ref-4[4] Der Betreiber der Anlage ist heute die Sellafield Ltd, ein Unternehmen der Nuclear Decommissioning Authority (NDA).
Leitung
Der Vorstand von Sellafield Ltd ist Tony Meggs. Interim Chief Executive Officer ist Euan Hutton.cite-ref-5[5] Es arbeiten rund 11.000 Menschen aktiv an der Anlage und weitere 40.000 in der Zulieferindustrie.cite-ref-6[6]
Sicherheit
Der Anlagenkomplex wird von der Civil Nuclear Constabulary, einer Polizeieinheit fĂŒr Nuklearanlagen in GroĂbritannien, ĂŒberwacht und kontrolliert.
Kernanlagen
Auf dem GelÀnde befinden sich nebst den Kernreaktoren (s. u.), die kerntechnische Anlagen:cite-ref-9[9]
âą Windscale Vitrification Plant, eine Verglasungsanlage fĂŒr hochradioaktive AbfĂ€lle (âHAWâ),
⹠die Wiederaufarbeitungsanlage B204 (Primary Separation Plant, der VorgÀnger von B205),
âą die Wiederaufarbeitungsanlage B205 (Magnox Reprocessing Plant) zur Verarbeitung abgebrannter Brennelemente aus den britischen Magnox-Reaktoren,
âą die Wiederaufarbeitungsanlage MOX Demonstration Facility (MDF) ab 1993,cite-ref-10[10]
⹠THORP, die Anlage zur Wiederaufarbeitung oxidischer Brennstoffe aus britischen (AGR) und aus auslÀndischen Reaktoren (u. a. Deutschland, siehe Chronologie weiter unten),
âą Sellafield MOX Plant (SMP) zur Herstellung von Uran/Plutonium-Mischoxid-Brennelementen.
âą Verschiedene Speicher und Abklingbecken
âą Die Anlagen bzw. Labore Central und Windscale Laboratory des Unternehmens National Nuclear Laboratory (NNL)
âą Verschiedene Filter- und Reinigungsanlagen zum Schutz der Umgebung und Umwelt (siehe MaĂnahmen unten)
Kernreaktoren
Produktionsreaktoren
Die auch unter dem Begriff âPile 1â bzw. âPile 2â bekannt gewordenen, luftgekĂŒhlten graphitmoderierten Windscale-Reaktoren (auch genannt British Production Pilescite-ref-12[12]) waren die erste britische Produktionsanlage zur Herstellung des benötigten waffenfĂ€higem Plutonium-239. Sie wurde fĂŒr das britische Kernwaffenprogramm in den spĂ€ten 1940er-Jahren errichtet. Zwischen den beiden Reaktoren (Pile 1 und 2) befand sich das Abklingbecken fĂŒr abgebrannte Brennelemente sowie eine erste Wiederaufarbeitungsanlage, welche mit dem gesammelten Wissen in der Nuklearchemie aufgebaut wurde.
Am Standort existieren, unabhÀngig von Calder Hall, die Kraftwerksblöcke:
| Reaktorblock | Reaktortyp | Netto- leistung | Brutto- leistung | Baubeginn | Netzsyn- chronisation | Kommerzieller/MilitÀrischer Betrieb | Abschaltung |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Windscale Reaktor 1 | Graphit/Luft | n. b. | n. b. | 1947â50 | n. r. | 1951 | 1957 |
| Windscale Reaktor 2 | Graphit/Luft | n. b. | n. b. | 1947â50 | n. r. | 1952 | 1957 |
| Windscale Advanced Gas-Cooled Reactor (WAGR) [ 13 ] [ 14 ] [ 15 ] | AGR | 24 MW | 36 MW | 1. November 1958 | 1. Februar 1963 | 1. MĂ€rz 1963 | 3. April 1981 |
Spaltbares Material
Das kernwaffenfĂ€hige Plutonium aus Windscale war fĂŒr die Atomic Weapons Establishment (AWE) bestimmt.cite-ref-16[16] Es befinden sich heute noch groĂe Mengen des Kernbrennstoffs Plutonium aus der Wiederaufarbeitung von kommerziellen Brennstoffen am Standort.cite-ref-17[17]
Windscale-Reaktor-Brand
â
Hauptartikel
:
Windscale-Brand
Einer der Reaktoren wurde durch einen speziellen Effekt (vgl. Wigner-Energie) unreparierbar beschĂ€digt. Beide Reaktoren wurden gestoppt und der Betrieb eingestellt. Der Unfall wurde retrospektiv als INES 5 (âernster Unfallâ) eingestuft.cite-ref-18[18] Damit wurde Windscale auch international bekannt unter dem Stichwort Windscale-Brand.cite-ref-19[19] Die ersten Reaktoren waren technische Vorreiter vom Typ Calder Hall, der das genannte Problem bereits technisch gelöst hatte. Letzteres Kernkraftwerk lieferte ĂŒber mehrere Jahrzehnte problemlos Strom ins Netz.
Umbau und RĂŒckbau der Anlagen
Als erste Anlage wurde der WAGR-Reaktor nach einer RĂŒckbaukampagne von ĂŒber 20 Jahren im Mai 2011 auĂer Betrieb genommen.cite-ref-20[20]
Bis in das Jahr 2018 wurde mit dem Thermal Oxide Reprocessing Plant (Thorp) die Wiederaufbereitung von auslĂ€ndischen Brennelementen bedient und schlieĂlich beendet.cite-ref-21[21] Zu den Kunden zĂ€hlten Italien, Japan, Schweiz, Deutschland und die Niederlande.cite-ref-sellafieldltd-2021-22-0[22] FĂŒr den Transport und RĂŒcktransport ist die Nuclear Transport Solutions (NTS) zustĂ€ndig. Sie gehört zur NDA.cite-ref-23[23] Bis 2070 soll THORP fĂŒr das Lagern von Brennelemente genutzt werden.cite-ref-24[24]
Kurz vor Mitternacht am 17. Juli 2022 wurde die letzte Ladung abgebrannter Brennelemente in die Chargenmaschine der Magnox-Wiederaufbereitungsanlage 205 eingespeist und in SalpetersÀure aufgelöst, um das Plutonium und Uran von den radioaktiven AbfÀlle abzutrennen. Mit der Anlage 205 wurden seit 1964 fast 55.000 Tonnen Magnox-Brennelemente wiederaufbereitet.cite-ref-27[27]
Die Kosten (Stand 2013) der Stilllegung der Anlage bis 2020 wurde von der RechnungsprĂŒfungskommission im britischen Unterhaus auf 67,5 Mrd. Pfund Sterling (78 Mrd. Euro) geschĂ€tzt.cite-ref-28[28]cite-ref-29[29] Laut SchĂ€tzungen aus dem Jahr 2018 soll der RĂŒckbau der Wiederaufbereitungsanlage bis zum Jahr 2120 dauern und etwa 121 Mrd. Pfund kosten.cite-ref-30[30] Im Jahre 2024 hat das NOA (National Audit Office) eine neue KostenschĂ€tzung vorgelegt: 136 Mrd. Pfund (163 Mrd. Euro) und RĂŒckbau bis frĂŒhestens 2125.cite-ref-31[31] Die Gesamtkosten fĂŒr die Stilllegung der Anlage schĂ€tzt die NDA auf bis zu 300 Milliarden Euro.cite-ref-32[32]
Der Windscale Vitrification Plant soll bis 2030 operativ bleiben.cite-ref-sellafieldltd-2021-22-1[22]
ZwischenfÀlle
Siehe auch
:
Liste von UnfÀllen in kerntechnischen Anlagen
,
Windscale-Brand
und
Atomaufsichtsbehörde
âą Am 10. Oktober 1957 gab es im Reaktor Windscale ein Feuer, den Windscale-Brand. Nach mehreren vergeblichen Versuchen konnte das Feuer am 11. Oktober durch Wasser sowie durch das Abschalten der Luftzufuhr gelöscht werden. Es kam zu einer erheblichen Freisetzung radioaktiver Stoffe (INES 5). Die britische Regierung erlieĂ nach dem Brand fĂŒr die Umgebung ein befristetes Verbot fĂŒr den Verzehr von Milch, sie verschwieg lange Zeit die Schwere des Vorfalls. Nach dem Unfall wurden beide Reaktoren stillgelegt.
âą Im April 2005 wurde in Sellafield ein Leck entdeckt, durch das etwa 83.000 Liter radioaktive FlĂŒssigkeit, bestehend aus SalpetersĂ€ure, Uran und Plutonium, monatelang unbemerkt entweichen konnten. Die FlĂŒssigkeit wurde jedoch in der Anlage aufgefangen. Nach Betreiberangaben sind Teile der Anlage stark kontaminiert; die Gefahr einer Kontamination der Umwelt habe aber nie bestanden. Es handelt sich um den schwersten Zwischenfall in einer Atomanlage GroĂbritanniens seit 1992. Er wurde von der Internationalen Atomenergieorganisation als ernster Störfall (INES 3) eingestuft. Die Ăffentlichkeit wurde erst Wochen danach informiert, erste Presseberichte erschienen am 9. Mai 2005. SpĂ€ter berichtete der âIndependent on Sundayâ, dass das Rohr seit August 2004 leck gewesen sei, dies aber erst am 19. April 2005 entdeckt wurde. FĂŒr den Zwischenfall wurde das britische Nuklearunternehmen British Nuclear Group (BNG), ein Subunternehmen der ehemaligen BNFL, das fĂŒr die Stilllegung der Reaktoren von Sellafield zustĂ€ndig ist, am 16. Oktober 2006 wegen FahrlĂ€ssigkeit zur Zahlung von 500.000 Pfund (rund 750.000 Euro) verurteilt. Die Kosten dieses Ereignisses werden auf 76 Millionen Dollar geschĂ€tzt.cite-ref-35[35]
âą Wegen erhöhten Strahlungsniveaus sind Mitarbeiter des Atomkraftwerks 2014 aufgefordert worden, zu Hause zu bleiben. Das Werk laufe weiter im normalen Betrieb, teilte der Betreiber mit. Die gestiegene Dosisleistung liege ĂŒber der natĂŒrlich auftretenden, sei jedoch weit unter der, bei der NotfallmaĂnahmen eingeleitet werden mĂŒssten. Tests hĂ€tten gezeigt, dass alle Anlagen korrekt und normal funktionierten. Das britische Energieministerium erklĂ€rte, es gebe keinen Anlass, an diesen Angaben des Betreibers zu zweifeln.cite-ref-36[36]
âą Im Mai 2011 wurden fĂŒnf junge MĂ€nner wegen Terrorismusverdacht in der NĂ€he der Anlagen festgenommen.cite-ref-37[37]
Radioaktive Abfallströme
Abklingbecken FGMSP
Als besonders problematisch gilt das First Generation Magnox Storage Pond (FGMSP). Das in den 1950er Jahren errichtete Abklingbecken, das bis heute unter freiem Himmel liegt, wurde ursprĂŒnglich zur KĂŒhlung und Lagerung abgebrannter Magnox-Brennelemente aus den ersten gasgekĂŒhlten Reaktoren GroĂbritanniens genutzt. Die Brennelemente sind in einer Magnesiumlegierung (Magnox) eingeschlossen, die im Wasser korrodiert. Seit der Einstellung des Betriebs 1986 lagern die Brennelemente ungeschĂŒtzt im Becken, was ĂŒber die Jahrzehnte zu einer komplexen, chemisch und radioaktiv belasteten Schlammschicht gefĂŒhrt hat. Diese enthĂ€lt neben radioaktivem Material auch biologische Ablagerungen wie Algen, die das Becken regelmĂ€Ăig bewuchern. Die ungeschĂŒtzte Lage des Beckens fĂŒhrt zusĂ€tzlich zu einem weiteren Problem: Möwen, die das Wasser als Badegelegenheit nutzen, werden dabei radioaktiv kontaminiert. Wiederholt mussten die Vögel zur Vermeidung einer Verbreitung der RadioaktivitĂ€t getötet werden. Um die Korrosion zu verlangsamen, wird dem Becken alkalisches Wasser zugefĂŒhrt, das den pH-Wert stabil bei etwa 11,5 hĂ€lt. Die Dekontaminierung erfolgt zudem schrittweise durch das Abpumpen und Filtern des Wassers ĂŒber die Sellafield-Ionenaustauscheranlage (SIXEP), die das Wasser von radioaktiven Partikeln reinigt, bevor es in die Irische See abgeleitet wird. Der radioaktive Schlamm wird durch ferngesteuerte Maschinen aus dem Becken gesaugt und in groĂe Edelstahltanks ĂŒberfĂŒhrt, die als Zwischenlager dienen. Obwohl Fortschritte gemacht werden, bleibt die endgĂŒltige Entsorgung dieses Abfalls ungelöst. Die ĂberfĂŒhrung in ein kĂŒnftiges unterirdisches Endlager steht zur Diskussion.cite-ref-38[38]
Seit 2024 werden in den 1970er und 1980er Jahren in den Becken deponierte Zeolithe in eigens dafĂŒr entwickelten BehĂ€ltern in der neu errichteten Interim Storage Facility zwischengelagert.cite-ref-3-39-0[39]
Kontamination der Irischen See und Nordsee
Bei den hastigen BemĂŒhungen, eine britische Atombombe zu bauen, wurden anfĂ€nglich (ab ca. 1952) schwachradioaktive AbfĂ€lle in die Irische See geleitet.cite-ref-40[40]cite-ref-1-41-0[41] Diese AbwĂ€sser stammen hauptsĂ€chlich aus der Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennelementen und aus AbwĂ€ssern der Brennstofflagerung und enthalten verschiedene Aktinide und Spaltprodukte, darunter Caesium, Uran, Neptunium, Plutonium und Americium. Die Menge der abgeleiteten radioaktiven AbfĂ€lle stieg in den 1960er-Jahren an und erreichte in den 1970er-Jahren einen Höhepunkt.
Ab diesem Zeitpunkt (1970er) wurden die AbflĂŒsse durch die MaĂnahmen und AktivitĂ€ten der Firma British Nuclear Fuels (BNFL) stark reduziert, mit Anpassungen an strengere Grenzwerte.cite-ref-1-41-1[41] Eine der Anlagen ist bspw. Enhanced Actinide Removal Plant (EARP).cite-ref-42[42] Eine weitere Anlagen, die seit 1985 aktiv arbeitet, ist die Site Ion Exchange Effluent Plant (SIXEP).cite-ref-43[43] Nach Angaben von BNFL wurden bspw. die Dosen fĂŒr Mitglieder der marine critical group von etwa 2 Millisievert pro Jahr in den frĂŒhen 1980er Jahren auf etwa 0,1 Millisievert pro Jahr gesenkt (Stand 2000). Die Empfehlungen der Grenzwerte stammen z. B. von der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP).cite-ref-0-44-0[44] Auf Ă€hnliche Weise wie bei Windscale bzw. Sellafield verklappten damals auch die USA (siehe Hanford Site) und die Sowjetunion einen Teil ihrer radioaktiven AbfĂ€lle.
Seit den 1980er-Jahren hat die EinfĂŒhrung neuer Abwasserbehandlungstechnologien jedoch zu einem deutlichen RĂŒckgang der Emissionen gefĂŒhrt, die mittlerweile drei GröĂenordnungen unter den historischen Spitzenwerten liegen. Mit der Umstellung auf Stilllegung und Dekontaminierung am Standort Sellafield sollen die Einleitungen kĂŒnftig weiter abnehmen.cite-ref-45[45]
Seit 1994 darf die Anlage in Sellafield bestimmte Radionuklide in gröĂeren Mengen ins Meer ableiten, darunter Tritium (3H), Kohlenstoff-14 (14C), Cobalt-60 (60Co), Technetium-99 (99Tc) und Iod-129 (129I). Dagegen wurden die Ableitungen von Alpha-Strahlern, wie Plutonium- und Americium-Isotopen, reduziert. Die fĂŒr deutsche Verbraucher berechnete Strahlenexposition durch den Verzehr von Fisch und MeeresfrĂŒchten ist gering. Die jĂ€hrliche Dosis lag 1998 fĂŒr Verbraucher in der zentralen Nordsee bei etwa 0,08 Mikrosievert (”Sv), was weniger als 0,004 % der durchschnittlichen natĂŒrlichen Strahlenbelastung (ca. 2400 ”Sv pro Jahr) entspricht und daher als unbedenklich gilt. Die Irische See ist besonders belastet, da dort hohe Konzentrationen verschiedener Radionuklide festgestellt wurden, die durch die regelmĂ€Ăigen Einleitungen in Sellafield verursacht werden. Prognosen und Messungen britischer Behörden zeigen, dass nahe Sellafield gelegene Verbrauchergruppen, die gröĂere Mengen Meerestiere konsumieren, einer deutlich höheren Strahlenexposition ausgesetzt sind â etwa 200 ”Sv im Jahr 1998.cite-ref-46[46]
GroĂbritannien ist, wie auch viele weitere Anrainerstaaten, ein Signatarstaat des Abkommens OSPAR, zum Schutz der Nordsee und Umgebung.cite-ref-47[47] In den MesszeitrĂ€umen 1995â2001 und 2012â2018 wurden jeweils radioaktive Entladungen von Kernanlagen gemessen und bewertet. Der Ausschuss Radioactive Substances Committee Thematic Assessment attestiert zusammenfassend in seinem Bericht fĂŒr das Jahr 2023, dass âdie Umweltkonzentrationen von Indikatorradionukliden im OSPAR-Meeresgebiet keine signifikanten radiologischen Auswirkungen auf den Menschen oder die Meeresumwelt haben.âcite-ref-48[48]
Sellafield berichtet laufend ĂŒber die Einhaltung von Grenzwerten, festgelegt z. B. von der Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP).cite-ref-0-44-1[44] Es erfolgt eine laufende StrahlungsĂŒberwachung der Umgebung durch die irische Environmental Protection Agency.cite-ref-2-49-0[49]
Weitere aktuelle (Stand 2021) Kennzahlen zu den verschiedenen Abfallprodukten, den Grenzwerten und ZÀhlungen (Messungen, Statistik) sind öffentlich einsehbar (Discharges and Environmental Monitoring Annual Report 2021).cite-ref-0-44-2[44]
Andere Probleme
Gehackte IT-Systeme
Im Dezember 2023 berichtete der Guardian, es seien wichtige IT-Systeme gehackt und mit Schadsoftware infiltriert worden. Die VorfĂ€lle reichten bis ins Jahr 2015 zurĂŒck, seien vom Betreiber aber verheimlicht worden. Es sei unbekannt, ob die Schadsoftware vollstĂ€ndig entfernt wurde, und Quellen deuteten darauf, dass auslĂ€ndische Hacker auch Zugang zu Daten der höchsten Vertraulichkeitsstufe gehabt hĂ€tten. Wegen wiederholter VersĂ€umnisse im Bereich der Cybersicherheit habe die Atomaufsichtsbehörde (Office for Nuclear Regulation) SondermaĂnahmen eingeleitet.cite-ref-50[50] Die Aufsichtsbehörde bestĂ€tigte, dass die Anlage unter erheblich erhöhter Aufmerksamkeit stehe, auf Grund der laufenden Untersuchung aber keine weiteren Aussagen gemacht werden könnten. Die britische Regierung widersprach den AusfĂŒhrungen des Guardian.cite-ref-51[51]cite-ref-52[52] 2024 gab der Betreiber der Nuklearanlage Sellafield zu, dass die IT-Systeme unsicher waren und entschuldigte sich fĂŒr CybersicherheitsmĂ€ngel. âDie nationale Sicherheit hĂ€tte gefĂ€hrdet werden können.âcite-ref-53[53]
Krebscluster
In den Jahren 1955 bis 1983 wurde im britischen Dorf Seascale, nahe der Nuklearanlage Sellafield in Nordwestengland, eine auffĂ€llige HĂ€ufung von LeukĂ€miefĂ€llen bei Kindern festgestellt. Eine ITV-Dokumentation im Jahr 1983 brachte die erhöhte Anzahl an KrankheitsfĂ€llen in die Ăffentlichkeit und löste landesweite Besorgnis aus. Die Zahl der betroffenen Kinder lag mit sieben FĂ€llen signifikant ĂŒber dem statistisch erwarteten Wert von weniger als einem Fall, was Spekulationen ĂŒber mögliche Ursachen, insbesondere den Einfluss radioaktiver Emissionen aus Sellafield, nach sich zog. Daraufhin wurde das Committee on Medical Aspects of Radiation in the Environment (COMARE) gegrĂŒndet, das ĂŒber mehrere Jahrzehnte hinweg eine Reihe von Studien durchfĂŒhrte. Die Untersuchungen bestĂ€tigten, dass die Rate an LeukĂ€mie und Non-Hodgkin-Lymphomen bei Kindern in Seascale zwischen den 1950er Jahren und 1990 tatsĂ€chlich erhöht war. Ăhnliche Krebscluster wurden auch in der NĂ€he der Nuklearanlage Dounreay in Schottland dokumentiert.cite-ref-54[54]
Viele Studien haben mögliche Ursachen fĂŒr Cluster bei Sellafield und anderen Nuklearanlagen untersucht. Im Fokus stand zunĂ€chst die Strahlung, die mit den AktivitĂ€ten der Anlagen in Verbindung gebracht wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass die Strahlendosen aus geplanten Freisetzungen zu gering waren, um die beobachteten FĂ€lle von LeukĂ€mie bei Kindern zu erklĂ€ren. Auch die unabsichtlichen Freisetzungen aus der Sellafield-Anlage werden als unwahrscheinliche Ursache angesehen. Verschiedene Mechanismen im Zusammenhang mit Strahlung wurden analysiert und ausgeschlossen. Obwohl keine eindeutige ErklĂ€rung fĂŒr das LeukĂ€mie-Cluster in Sellafield gefunden wurde, wird als eine plausible Hypothese angesehen, dass in neu zusammengesetzten Gemeinschaften Infektionen auf anfĂ€llige Personen ĂŒbertragen werden und in seltenen FĂ€llen LeukĂ€mie auslösen können.cite-ref-55[55]
Organ-Skandal
Zwischen 1960 und 1991 wurden in Sellafield sowie an weiteren Standorten nuklearer Anlagen Organe verstorbener Arbeiter ohne Einwilligung entnommen und fĂŒr Strahlenforschungen genutzt. Eine Untersuchung unter Leitung des Kronanwalts Michael Redfern deckte auf, dass in 64 FĂ€llen bei Sellafield-Mitarbeitern und in 12 weiteren FĂ€llen an anderen Standorten wie Springfields und Aldermaston Organe entnommen wurden, ohne die Angehörigen zu informieren. Die Betroffenen wurden beerdigt oder kremiert, ohne dass ihre Familien von den umfassenden Organentnahmen wussten. Die Praxis umfasste eine breite Palette von Organen. HĂ€ufig entnommen wurden Leber, Lungen, Wirbel, Rippen, Lymphknoten, Milz und Nieren, seltener auch Gehirne, Herzen und Hoden. Die meisten Obduktionen wurden von Pathologen des West Cumberland Hospitals durchgefĂŒhrt, wobei eine âinformelle Vereinbarungâ bestand, wonach der Betriebsarzt von Sellafield benachrichtigt wurde. Viele der Entnahmen hatten keinerlei Bezug zur Todesursache. Redfern kritisierte insbesondere die enge Zusammenarbeit zwischen Pathologen, Coronern und Sellafield-Medizinern, die hĂ€ufig zu GesetzesverstöĂen fĂŒhrte. Die Untersuchung zeigte, dass Pathologen Organe entnahmen, ohne die gesetzlich vorgeschriebene Zustimmung einzuholen. Einige Coroner ignorierten Post-mortem-Berichte, andere duldeten bewusst die unrechtmĂ€Ăigen Praktiken. Die VorgĂ€nge verstieĂen gegen den Human Tissue Act von 1961, der Entnahmen nur mit Zustimmung des Verstorbenen oder der Angehörigen erlaubt. Knochen wurden sogar durch Besenstiele ersetzt, damit bei den Beerdigungen niemand Verdacht schöpfte. Redfern betonte, dass die WĂŒrde der Verstorbenen massiv verletzt worden sei. Viele Angehörige fĂŒhlten sich betrogen und verstört. Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen wie die GMB verurteilten die VorgĂ€nge, betonten jedoch den Nutzen medizinischer Forschung zur Bewertung von Gesundheitsrisiken.cite-ref-56[56]
Siehe auch
Literatur
Siehe auch
:
Brennstoffkreislauf
,
Wiederaufarbeitung
und
Radioaktiver Abfall
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Weblinks
Commons
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